{"id":247,"date":"2014-11-01T17:59:37","date_gmt":"2014-11-01T15:59:37","guid":{"rendered":"http:\/\/haup.eu\/?p=247"},"modified":"2014-12-16T13:15:14","modified_gmt":"2014-12-16T11:15:14","slug":"wolfgang-f-hawly-die-wahrheit-ueber-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/haup.eu\/?p=247","title":{"rendered":"Wolfgang F. Hawly, die Wahrheit \u00fcber M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"title\">15 h\u00e4ssliche Wahrheiten, die Ihnen ein M\u00fcnchner nie \u00fcber seine Stadt erz\u00e4hlen wird.<\/h1>\n<p>Es gibt viele nette Dinge, die man \u00fcber deutsche Gro\u00dfst\u00e4dte sagen kann. Sogar \u00fcber M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Am nettesten reden nat\u00fcrlich meist die Einheimischen selbst \u00fcber ihre eigenen St\u00e4dte. Gerade die bayerische Landeshauptstadt ist voll von Lokalpatrioten, die Fremden niemals die Wahrheit \u00fcber M\u00fcnchen erz\u00e4hlen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Schluss damit: Hier sind 15 h\u00e4ssliche Wahrheiten, die Ihnen nie ein M\u00fcnchner \u00fcber seine Stadt erz\u00e4hlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>1. M\u00fcnchen ist keine gr\u00fcne Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Klar, M\u00fcnchen hat den Englischen Garten, der unter Einheimischen immer im stoiberschen Klassenstrebersprech mit dem Vize-Superlativ als \u201ezweitgr\u00f6\u00dfter Stadtpark der Welt\u201c bezeichnet wird. Und sonst so? Olympiapark. Westpark. Perlacher Forst. Und dann wird\u2019s eng.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist M\u00fcnchen die am dichtesten bebaute Gro\u00dfstadt Deutschlands. Hier leben 4531 Einwohner auf dem Quadratkilometer. Doppelt so viele wie in Hamburg (2312) und K\u00f6ln (2553), und auch zum \u201eMoloch\u201c Berlin herrscht geb\u00fchrender Respektabstand (3837).<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass durch die schmalen, sp\u00e4rlich begr\u00fcnten Stra\u00dfen in M\u00fcnchen schnell ein Gef\u00fchl der Enge entsteht.<\/p>\n<p><strong>2. Deshalb ist das gr\u00f6\u00dfte Kompliment, das die M\u00fcnchner ihrem M\u00fcnchen machen: \u201eMan ist schnell drau\u00dfen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Fragt man M\u00fcnchner, warum sie gerne in ihrer Stadt leben, wird verst\u00e4ndlicherweise niemand sagen: &#8222;Weil es hier so preiswert ist.&#8220; Oder: &#8222;Weil man so schnell neue Menschen kennenlernt.&#8220; Fast jeder aber antwortet reflexhaft: \u201eWeil man schnell in den Bergen ist.\u201c Welch Ironie.<\/p>\n<p>Das erinnert an Heinrich Heine, der einst \u00fcber G\u00f6ttingen schrieb: \u201eDie Stadt selbst ist sch\u00f6n, und gef\u00e4llt einem am besten, wenn man sie mit dem R\u00fccken ansieht.\u201c Eigentlich ist dieses \u201eMan ist schnell drau\u00dfen\u201c wohl die bayerische Entsprechung zum rauen, ruhrdeutschen Heimatbekenntnis: \u201eSchei\u00dfe is auch anderswo.\u201c<\/p>\n<p><strong>3. Vergesst Bochum und Gie\u00dfen! M\u00fcnchen ist Deutschlands Betonhauptstadt<\/strong><\/p>\n<p>Ein teuflisch genialer PR-Schachzug der Stadt M\u00fcnchen war es, der Welt weiszumachen, dass die Stadt nur aus Bierg\u00e4rten, dem Englischen Garten und barocken Kirchen best\u00fcnde. Wer mal an der Schwanthalerh\u00f6he oder in der Olympiapressestadt seine rosarote Brille abnimmt, dem schl\u00e4gt die brutale Wahrheit dann wie ein nasses Handtuch ins Gesicht.<\/p>\n<p>M\u00fcnchen ist die wahrgewordene Hieronymus-Bosch-Phantasie von hyperaktiven Bauhaus-Architekten mit einem z\u00e4rtlich ausgelebten Fetisch f\u00fcr Betongussverfahren.<\/p>\n<p>Das ist nicht unbedingt verwunderlich: M\u00fcnchen ist nach dem Zweiten Weltkrieg schwer zerst\u00f6rt gewesen. Und au\u00dferdem ist die Stadt in der Glanzzeit der H\u00f6her-Breiter-Billiger-Architektur enorm gewachsen. Dass aber die M\u00fcnchner heute im duseligen \u201eMei, is des schee\u201c-Selbstzufriedenheitsgef\u00fchl <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.de\/2014\/10\/10\/kassel-zahlen-fakten_n_5963850.html\" target=\"_hplink\">mit dem Finger auf Herne oder Kassel zeigen<\/a>, zeugt eher von einem gest\u00f6rten Verh\u00e4ltnis zur Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, M\u00fcnchner: Selbst die netten Fassaden an der Ludwigsstra\u00dfe wurden nach dem Krieg teilweise aus Beton rekonstruiert. Aber jetzt nicht weinen.<\/p>\n<p><strong>4. M\u00fcnchner arbeiten meist dort, wo die Stadt am h\u00e4sslichsten ist<\/strong><\/p>\n<p>In ihrer ohnehin schon grausam verbauten Stadt finden die M\u00fcnchner oft nur an den h\u00e4sslichsten Ecken noch einen Arbeitsplatz. Der Grund daf\u00fcr: Dort, wo M\u00fcnchen nach dem Krieg ganz passabel rekonstruiert wurde, kann sich kein redlich arbeitendes Unternehmen mehr die Mieten f\u00fcr Gewerbeimmobilien leisten.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung teilen die Siemens-Mitarbeiter im M\u00fcnchner S\u00fcden mit den BMW-Arbeitern im Norden und den Kreativen in der postnuklearen Stadtlandschaft hinter dem Leuchtenbergtunnel.<\/p>\n<p><strong>5. Wer immer noch nicht glauben will, dass die deutsche Infrastruktur br\u00f6ckelt, sollte mal nach M\u00fcnchen kommen<\/strong><\/p>\n<p>Okay, der Osten hat von den Finanztransfers der vergangenen Jahre \u00fcberdurchschnittlich stark profitiert. In Leipzig gibt es jetzt den City-Tunnel, durch Th\u00fcringen wird gerade eine hochmoderne ICE-Trasse gebaut.<\/p>\n<p>Trotzdem ist man als naiver St\u00e4dtetourist nicht auf den Schock vorbereitet, der einen trifft, wenn man zum ersten Mal die M\u00fcnchner S-Bahn auf der Stammstrecke benutzt.<\/p>\n<p>Baustellen. Ranzige Anzeigentafeln. Dunkle, abgelebte Sch\u00e4chte, oft mit farbigen, glasierten, versifften Kacheln gefliest, die stilistisch an die alte Bundesrepublik erinnern. Der Ostbahnhof stellt zudem das deutschlandweit am schlimmsten gescheiterte Infrastrukturprojekt der Nachkriegszeit dar. Wer sich noch nie am Ostbahnhof verlaufen hat, hat ihn nicht gesehen.<\/p>\n<p><strong>6. M\u00fcnchen war einmal eine K\u00fcnstlerstadt. Jetzt wird hier nur noch Kunst ausgestellt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist schon verdammt lange her. Aber M\u00fcnchen war einmal Treffpunkt f\u00fcr Kreative und Anarchos aus der ganzen Welt. Noch in den 70er-Jahren galt die bayerische Landeshauptstadt als Deutschlands aufregendste Metropole. Die Zeiten sind lange vorbei. Wer heute mit Kunst sein Leben bestreiten will, muss nach sp\u00e4testens sechs Monaten mit dem R\u00e4umungsbescheid f\u00fcr seine Wohnung rechnen.<\/p>\n<p>Kein ernstzunehmender Nachwuchsk\u00fcnstler ohne einen Zahnarztpapa aus Starnberg kann sich diesen Kostenwahnsinn in M\u00fcnchen noch leisten. Die Folge: M\u00fcnchen bezeichnet sich zwar immer noch gern selbst als Stadt der K\u00fcnste. Doch hier wird keine Kunst mehr geschaffen. Sondern nur noch ausgestellt.<\/p>\n<p><strong>7. Die Lebenshaltungskosten sind mittlerweile so hoch, dass Unternehmer Probleme haben, neue Mitarbeiter zu finden<\/strong><\/p>\n<p>Diese Meldung h\u00e4tte k\u00fcrzlich das Kreisverwaltungsreferat in Alarmstimmung versetzen m\u00fcssen: Freie Stellen k\u00f6nnen von Unternehmen bisweilen nicht mehr besetzt werden, weil sich kein normaler Arbeitnehmer von au\u00dferhalb die Lebenshaltungskosten leisten kann. Gewarnt wird davor seit 15 Jahren. Etwas dagegen unternommen hat niemand etwas.<\/p>\n<div class=\"qr\"><\/div>\n<p><strong>8. Die Laden\u00f6ffnungszeiten in M\u00fcnchen sind eine Zumutung f\u00fcr jeden Arbeitnehmer<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur, dass M\u00fcnchen keine Kiosk-, Sp\u00e4ti-, oder B\u00fcdchenkultur hat: Auch die \u00d6ffnungszeiten der Superm\u00e4rkte verharren auf dem Stand der Kohl-\u00c4ra, w\u00e4hrend die ohnehin schon von Kostenstress und \u00dcberstunden geplagten Arbeitnehmer meist vor verschlossenen Schiebet\u00fcren stehen.<\/p>\n<p>Auch das macht diese Stadt ein St\u00fcck weit unmenschlich: Die Dienstleistungsmentalit\u00e4t erinnert manchmal an die gute, alte DDR.<\/p>\n<p><strong>9. Das Oktoberfest war mal ein Volksfest. Jetzt ist es eine Kreuzung aus Merchandising, Protzkultur und Komasaufen<\/strong><\/p>\n<p>Und wer als Angeh\u00f6riger des \u201eVolkes\u201c auf dieses so genannte Volksfest gehen will, muss sich entweder schon mit den Berufsalkoholikern morgens um zehn die Kante geben oder darauf hoffen, dass ihn die Gnade des Gro\u00dfkapitals in Form einer Einladung f\u00fcr einen der reservierten Tische in den ma\u00dflos \u00fcberf\u00fcllten Zelten ereilt.<\/p>\n<p>Haste was, biste was. Als armer Schlucker dagegen kannst du auf dem Oktoberfest die meiste Zeit nur den anderen beim Feiern zuschauen. Drau\u00dfen, vor dem Zelt.<\/p>\n<p><strong>10. M\u00fcnchen ist eine Stadt der Alten<\/strong><\/p>\n<p>Schon ein Blick auf die Klatschseiten gen\u00fcgt, um festzustellen, dass s\u00e4mtliche relevanten Promis in dieser Stadt \u00fcber 40 sind, die meisten sogar \u00fcber 50. Und so schwer man sich Franz Beckenbauer und Uschi Glas als junge Menschen vorstellen kann: Sie waren es tats\u00e4chlich einmal. Aber genauso lang ist es schon her, dass diese Stadt mal f\u00fcr junge Menschen wirklich attraktiv war.<\/p>\n<p><strong>11. Der Englische Garten ist tats\u00e4chlich sch\u00f6n. Leider wissen das zu viele<\/strong><\/p>\n<p>Der Berliner Tiergarten mit seinen rauchenden Grillen und den Bergen von Abfall ist nichts dagegen, was sich bei Sonnenschein im Englischen Garten abspielt: Jeder, und wirklich jeder transportf\u00e4hige M\u00fcnchner wackelt dann in den Park, um dort zwischen allerlei Bongogekloppe und Teeniegekreische das zu finden, was er in seiner v\u00f6llig \u00fcberlaufenen Stadt wohl als \u201eErholung\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist der Englische Garten ein sehr sch\u00f6ner Ort. Morgens um sechs, kurz nach Sonnenaufgang, wenn einem allenfalls ein paar verstrahlte Jogger begegnen.<\/p>\n<p><strong>12. Wer Fu\u00dfball in der Allianz-Arena schauen will, kann sich jeden Samstag auf Erstickungszust\u00e4nde in der U-Bahn einstellen<\/strong><\/p>\n<p>In einer v\u00f6llig kaputt spekulierten Stadt wie M\u00fcnchen gab es f\u00fcr ein neues Fu\u00dfballstadion nat\u00fcrlich keinen Baugrund im Stadtzentrum mehr. Deshalb musste die \u201eAllianz-Arena\u201c in Fr\u00f6ttmaning gebaut werden? Fr\u00f6tt&#8230;was? Genau dort. Und nat\u00fcrlich f\u00e4hrt dort nur eine ma\u00dflos \u00fcberlaufene U-Bahn hin.<\/p>\n<p>S-Bahn- oder sogar ein Fernbahnanschluss: Fehlanzeige. Selbst wenn man als Nicht-Bayer nur dort hin will, um im G\u00e4steblock die n\u00e4chste M\u00fcnchner Meisterschaft nach Halseskr\u00e4ften zu verhindern, kommt man sich nach der Anreise vor wie angelutscht und ausgepuckt.<\/p>\n<p><strong>13. M\u00fcnchen hat keine Streetfood-Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Der hei\u00dfeste Essenstrend dieses Jahres ist \u201eStreetfood\u201c. Grob gesagt bezeichnet das alles Essen, das au\u00dferhalb von Restaurants an Stra\u00dfen verkauft wird. Das m\u00fcssen nicht immer nur D\u00f6ner oder Pommes sein, in Berlin ist eine ganze Kultur um den Trend herum entstanden mit M\u00e4rkten, Festivals und feinen Imbissst\u00e4nden.<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen probiert man dagegen immer noch, eine halbwegs essbare Currywurst zu produzieren.<\/p>\n<p><strong>14. Die M\u00fcnchner Innenstadt ist mittlerweile ein Vergn\u00fcgungspark f\u00fcr Touristen und Investmentbanker geworden<\/strong><\/p>\n<p>Kaum jemand mit einem normalen Job kann sich noch eine Wohnung in der M\u00fcnchner Innenstadt leisten. Das hat zwei Folgen.<\/p>\n<p>Erstens ist das Stadtzentrum ein Shoppingparadies geworden, in dem Extremkonsumenten und Touristengruppen sich tags\u00fcber gegenseitig auf die F\u00fc\u00dfe treten. Nach Ladenschluss sieht es in der Kaufinger Stra\u00dfe dann aus wie im Legoland bei Regenwetter. Zweitens locken die hohen Mieten die Hochfinanz an.<\/p>\n<p>Das Wort \u201eexklusiv\u201c kommt auf diese Weise in M\u00fcnchen wieder zu seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung zur\u00fcck: \u201eausschlie\u00dflich\u201c oder auch \u201eausschlie\u00dfend\u201c. Genau das beschreibt die Atmosph\u00e4re zwischen Sendlinger Tor und Odeonsplatz am besten.<\/p>\n<p><strong>15. Ganze Stadtteile d\u00e4mmern in einer Parallelwelt vor sich hin<\/strong><\/p>\n<p>Wenn in den Medien von M\u00fcnchen die Rede ist, dann oft nur von den Stadtteilen im Zentrum. Schwabing zehrt seit 50 Jahren von seinem wilden Image in den 60er-Jahren, Haidhausen ist der Gentrifizierungs-Hotspot, und das Westend soll seit 15 Jahren irgendwann mal cool werden.<\/p>\n<p>Aber Hasenbergl? Neuperlach? Milbertshofen? Dort leben die weniger Wohlhabenden, die sich in M\u00fcnchen aber trotzdem die happigen Mieten leisten m\u00fcssen. Vom bunten Leben in der Innenstadt kriegen diese Menschen nur wenig mit.<\/p>\n<p>Kein Wunder, wenn dort Partys durchaus schon mal 15 bis 20 Euro Eintritt kosten und man wegen seiner Schuhe vom T\u00fcrsteher ausgesondert wird. Ein weiterer Grund, warum M\u00fcnchen schon lange keine \u201eWeltstadt mit Herz\u201c mehr ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15 h\u00e4ssliche Wahrheiten, die Ihnen ein M\u00fcnchner nie \u00fcber seine Stadt erz\u00e4hlen wird. Es gibt viele nette Dinge, die man \u00fcber deutsche Gro\u00dfst\u00e4dte sagen kann. Sogar \u00fcber M\u00fcnchen. Am nettesten reden nat\u00fcrlich meist die Einheimischen selbst \u00fcber ihre eigenen St\u00e4dte. 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